Pałac Morawa

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Melitta Sallai

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Ein großes positives Interesse, nicht nur in der polnischen sondern auch in der deutschen Presse, weckte ein 6-seitiger Bericht in der „Wysokie Obcasy“, der Wochenbeilage von „Gazeta Wyborcza“ vom 07.10.2000 über das ungewöhnliche Leben von Melitta Sallai, die als Deutsche in Muhrau geboren, als Portugiesin mit einem ungarischen Diplomaten verheiratet 30 Jahre in Angola verbrachte und nun als polnische Staatsangehörige wieder in Morawa lebt. Als Zeitzeugin ist sie besonders für polnische Schulklassen eine begehrte Gesprächspartnerin.

Aus: „Wysokie obcasy“ (wöchentliches Magazin der Tageszeitung Gazeta Wyborcza mit Frauenthemen), Nr.40 (80), vom 7. Oktober 2000. S.6-15
Rubrik: „Gesichter“
Text: Aneta Augustyn
Bilder im Original (u.a. Titelbild des Magazins): Radosław Bugajski
Redaktion und Übersetzung: Andrea Guter, Maximilian Eiden

Rückkehr nach Muhrau - Melitta Sallai

Im Januar 1945 floh Melitta zusammen mit ihrer Mutter und ihren sechs Geschwistern vor den Russen aus dem Schloß in ihrem Geburtsort Muhrau, heute Morawa. Als sie nach Jahrzehnten dorthin zurückkam, fand sie über der Tür der Kapellenruine die verwitterte Inschrift wieder: „Fürchte dich nicht“. Sie renovierte das Schloß und gründete in ihm einen Kindergarten.

In den hellen Holzfußboden sind sieben  Kreise aus  dunklem Eichenholz eingelassen, im Halbkreis um ein ebenso dunkles Rechteck. Die Kreise sind wie Blütenblätter angeordnet - jeder Kreis ein Kind. Die Kinder sind in diesem Zimmer zur Welt gekommen. Es ist geräumig, eines der sonnigsten im Schloß.

Die zwei Jungen und die vier Mädchen wurden jeden Morgen um sieben geweckt. Die Mädchen zogen dicke gestrickte Wollstrumpfhosen an, Kleidchen und auf jeden Fall Schürzchen. Die Schürzchen durften sie nur zum Mittagessen und zum Abendbrot ablegen. Dreimal täglich nahmen die Eltern, die Lehrerin, das Kindermädchen, die Sekretärin und die Kinder pünktlich am ovalen Tisch platz. Auf dem Tisch stand Schwarzbrot mit Zuckerrübensirup, Suppen, Gemüse und schlesische Klöße; Fleisch oder Gebäck gab es nur an Feiertagen. Vor dem Essen wurde gebetet. Nach dem Frühstück gingen die Jungen zur Dorfschule, die Mädchen lernten zuhause. Nach dem Unterricht: zwei Stunden Reiten.
Der Vater, Hans-Christoph von Wietersheim-Kramsta, ordnet an: „Heute reitet Melitta ab 9.23 Uhr auf Heidi.“ Melitta ist punkt 9.23 Uhr im Stall.

„Ich fiel dauernd vom Pferd, aber mein Vater befahl mir aufzustehen und es zu versuchen, bis ich es konnte.“ Widersprechen? In der preußischen Erziehung war das undenkbar. Reiten kann sie heute noch nicht leiden, die Pünktlichkeit ist ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Damals war sie ein kleines Mädchen im Schürzchen mit Zöpfen, heute ist sie eine Dame im Blazer mit sorgfältig frisiertem grauem Haar und einer Perlenkette am Hals. Am Revers eine Anstecknadel: zwei miteinander verbundene Flaggen, die deutsche und die polnische.

Vor einem Jahr verlieh ihr die auslandspolnische Stiftung Polcul (entstanden 1980 in Australien, zeichnet sie Personen aus, die sich in unabhängigen sozialen und kulturellen Initiativen engagieren), einen Preis für „ihre Arbeit für gute Nachbarschaft und Völkerverständigung in der Akademie Hedwig in Muhrau“.

Jedes Kind ein Turm  

Von Breslau nach Muhrau sind es sechzig Kilometer. Eine halbe Stunde auf der Autobahn, dann biegen wir links ab und fahren auf kleinen Nebenstraßen weiter. Zuerst taucht der Park auf, dunkel von dichtem Grün, dann der Teich und dann das helle Schloß mit einem Turm. Es hätten zwei Türme sein sollen, für die zwei Kinder des Eduard von Kramsta. Der Sohn starb in jugendlichem Alter, also errichtete Eduard keinen zweiten Turm mehr. Im Jahr 1861 war der asymetrische Bau fertiggestellt. Es blieb bei dem einen Turm für die Tochter.

Marie von Kramsta heiratete nicht, lebte allein. Gewaltige Summen aus dem väterlichen Erbe verwendete sie für wohltätige Zwecke. Auf jedem ihrer Güter gab es einen Kindergarten, eine vierjährige Grundschule und eine Schwesternstation.

Marie stiftete Kirchen und baute das erste Heim für alleinerziehende Mütter in Schlesien. Die milde Frau heiß sie bei den Leuten.

Kurz vor ihrem Tode teilte sie ihren Reichtum in drei gleiche Teile und vermachte sie an ihre drei Neffen. 1622 Hektar und das Schloß Muhrau erhielt Eugen von Wietersheim, Melittas Großvater. Aus Dankbarkeit seiner Tante gegenüber fügte er den Namen Kramsta dem seinen hinzu. Sein Sohn Hans-Christoph wurde im Schloß geboren, im Schloß feierte er Hochzeit mit Herta, die auch Schlesierin war. Im Schloß wurden auch ihre Kinder geboren. Als zweite kommt 1927 Melitta zur Welt. Zusammen mit den beiden Brüdern und drei Schwerstern lernte sie Gedichte von Goethe und Schiller ebenso auswendig wie Kirchenlieder. Die Mutter dachte sich gereimte Geschichten über Kaiser Karl IV. aus, und Melitta wiederholte sie halblaut vor dem Einschlafen. Am Morgen begrüßte sie die Dienerschaft, schnell, damit die Bedienstete nicht als Erste ”Guten Morgen“ sagen konnte.

„Ihr, Kinder, seid für die da, die hier arbeiten, und nicht sie für euch“, sagten die Eltern immer wieder. Melitta spielte Rutschbahn auf den glatten Böden im Schloß; wenn sie sie schmutzig machte, mußte sie selbst putzen. Sie selbst trug nach dem Essen ihr Geschirr ab. Die Teller waren immer leer, weil man im Schloß kein Essen übrig ließ.

Kakao und eine Semmel bekam Melitta nur am 2. Oktober zum Frühstück, ihrem Geburtstag. Als die Kinder aus dem Dorf ihr erzählten, was für leckeren Kuchen sie zu Hause essen, dachte sie sich mehrstöckige Torten mit einem Berg von Schlagsahne aus. Solche Desserts gab es im Schloß nicht. Die Eltern waren der Ansicht, daß Überfluß zu nichts Gutem führen könne.

Mit den Geschwistern und den Kindern aus dem Dorf tobte sie im Heu, baute Häuschen, kletterte auf Bäume. Wenn eins von den Kindern sich über die Teufelsbrücke am Teich im Schloßpark hinauswagte, griff das Kindermädchen auf der Terrasse zur Trillerpfeife. Der Vater hatte den Kindern verboten, über die Brücke hinauszugehen; dort war einmal ein Dorfkind ertrunken. Zum Sonntagsgottesdienst in der Schloßkapelle kam das ganze Dorf. Melittas Mama ging zur Taufe jedes Dorfkindes, und der Vater zur Beerdigung eines jeden Gutsbewohners. So wie die für ihre Wohltätigkeit berühmte Großtante bezahlte der Vater Schulen und Kindergärten.

Der Vater verwaltete sein Gut und, eine unerhörte Neuheit, er gab monatlich eine Zeitung heraus. Zehn Exemplare lagen immer im Büro, jeder konnte nachlesen, daß das Wasser auf den Feldern noch eine Weile stehenblieb, daß die Stute gefohlt hatte und der Weizen gut stand.

Jeder - ob Bediensteter, Dorfbewohner oder Pfarrer - durfte sich in der Zeitung zu Wort melden. Der Vater schrieb einen Wettbewerb aus, um das am Schönsten mit Blumen geschmückte Fenster. Mit zwei Arbeitern ging er durch die Dörfer, wägte ab und bestimmte die Gewinner.

Jeden freien Augenblick verbrachte er bei den Pferden. In den zwanziger Jahren hatte er auf Kreon, seinem geliebten Vollblutwallach, Turniere gewonnen: den ersten Platz beim internationalen Derby in Hamburg und beim Großen Preis von Ostpreußen im Springen.

Am Sonntagmorgen ließ der Vater die Kinder ins Ehebett. Marie-Elisabeth, Melitta, Edula, Eugen, Wilfried, Johanna-Christine. Er knuddelte sie, drückte sie an sich, machte Späße. Wenn Mama oder Papa Geburtstag hatten, lauerten die Kinder in aller Frühe mucksmäuschenstill vor der Tür des Elternschlafzimmers - es war dasselbe helle Eckzimmer, in dem sie geboren waren - und sangen aus vollem Hals ein Ständchen. Wenn eines der Kinder Geburtstag hatte, klopfte eines der Geschwister beim Frühstück mit dem Löffelchen an die Tasse, stieg auf den Stuhl und hielt im Namen der anderen eine Rede an das Geburtstagskind.

Sie beteten vor dem Schlafengehen und vor jedem Essen. Der Vater erhob sich als Erster zum Gebet. Die Kinder hatten nicht viele Spielsachen, ein paar Puppen, hölzerne Wägelchen.

„Dinge sind nicht wichtig“, sagte die Mutter zu Melitta. „Du kannst sie nicht ins Jenseits mitnehmen. All das ist nur geliehen. Und da du nun einmal mehr hast als andere, mußt du etwas daraus machen.“

Brot für Uhren

Am Beginn des Krieges zog man den Vater zur Wehrmacht ein. Die Mutter, Herta von Wietersheim-Kramsta, blieb mit den Kindern auf dem Gut. Am 1. Dezember 1943 zahlte sie die Arbeiter aus. Sie krallte die Finger in die Tischplatte und flüsterte mit zusammengebissenen Zähnen: „Die Gehälter gehen vor“. Einige Stunden später brachte sie ihr siebtes Kind zur Welt, Maria Therese.

Im Januar 1945 erzählten die Dorfbewohner immer öfter von den sich nähernden Russen. Herta versteckte eine Pistole, nähte Schmuck in Stoffgürtel ein und umwickelte damit sich und ihre Mutter. Sie zog den Traktor aus dem Schuppen, lud auf den Anhänger Teppiche, etwas Kleider, eine Milchkanne und eine Kiste mit den Trophäen des Vaters von den Reitturnieren. Sie nahm die Köchin und die Kinder und machte sich auf den Weg in Richtung Südwesten. Einige Jahre zuvor hatte sie in weiser Voraussicht ein Häuschen im Kleinen Walsertal gekauft.

Als die Tschechen ihnen den Traktor wegnahmen, gingen die Frauen mit den Kindern zu Fuß zum nächsten Bahnhof. Melitta sah die Leichen von Erfrorenen im Schnee liegen. Der kleine Wilfried weinte den ganzen Weg über bittere Tränen um seinen Hund, den sie im Schloß zurückgelassen hatten.

Ihr Häuschen stand in der Siedlung Hirschegg, die man im Winter nur auf Skiern verlassen konnte. Die Mutter ging bei den Bauern hamstern und tauschte Uhren, Schmuck und ihren Mantel gegen Brot, Eier, Käse und sogar - was für ein Fest - gegen ein Stück Fleisch. Als die Almen wieder grün wurden, sammelte Melitta mit ihren Schwestern Kräuter, Spinat, Pilze, züchtete Perlhühner. Die Mutter nähte ihr ein Kleid aus alten Gardinen.

Das Häuschen in den Alpen war so etwas wie die Arche Noah. Nach und nach kamen dort Vettern, Cousinen und entferntere Verwandte zusammen. Eines Tages tauchte ein Mann mit einem Fahrrad auf, an dessen Rahmen ein großer Eimer mit Schmalz befestig war. Die kleine Maria Therese lief schreiend vor dem Fremden davon. Ihren Vater hatte sie noch nie gesehen.

Einige Monate später sprang ein Funke aus dem Kamin in die hölzerne, mit Hirschgeweihen geschmückte Stube. Nur das grüne Sofa mit den passenden Sesseln war nach dem Brand noch übrig. Wieder machten sie sich auf den Weg.

Wenigstens nicht zum Islam

Ein alter Landwirt in einem Dorf bei München bot ihnen Kost und Logis für die Arbeit auf dem Hof und im Hopfenfeld. „Aber nur bis mein Sohn aus der russischen Gefangenschaft zurückkommt“, machte er ihnen klar. Melitta molk morgens sieben Kühe, bevor sie zur Schule ins Mädchengymnasium der Benediktinerinnen lief.

Sie bat den Vater, ihr den Übertritt zum Katholizismus zu erlauben. „Wenn ich in der katholischen Messe bin, sehe ich Farben und rieche den Weihrauchduft, höre fröhliche Gesänge. Und bei uns, den Protestanten? Da ist es doch traurig in der Kirche.“

„Katastophe!“, lautete der Kommentar des Vaters, aber er verbot es ihr nicht. Er dankte ihr nur, daß sie nicht zum Islam konvertierte.

Der Sohn des Bauern kam aus der Gefangenschaft zurück, und wieder machten sie sich auf den Weg. In einem kleinen bayrischen Städtchen kaufte der Vater ein altes Haus und betrieb eine Pension. Die Mutter kochte gut und teuer und verkaufte das Essen billig, die Kinder verrechneten sich ständig beim Restgeld und der Vater gab zu oft Freibier aus. Sie gingen pleite.

Melitta fuhr nach Frankreich, später nach Portugal. Sie arbeitete als Kindermädchen und unterrichtete Deutsch und Französisch. Mit einer portugiesischen Familie ging sie 1952 nach Angola. Für kurze Zeit kam sie nach München zurück, wurde Stewardess - die Deutschen hatten gerade die ersten Linienflüge nach Mallorca aufgenommen - und nach ein paar Monaten entschied sie sich, nach Afrika zurückzukehren. Der Portugiese, bei dem sie früher beschäftigt gewesen war, ließ sich ihretwegen scheiden. Er wartete, bat sie, nach Angola zu kommen. Der Vater brachte Melitta nicht auf den Münchner Flughafen. Einen Geschiedenen heiraten? Ohne kirchliche Trauung?

Besser zwei glückliche Jahre

Der Portugiese war vermögend, leitete in Angola, damals überseeische Provinz von Portugal, die Filialen von Automobil- und Telefonfirmen. Zwei Jahre waren sie zusammen; er verließ sie wegen einer anderen.

Melitta schloß Freundschaft mit der Frau von Curt Carl Sallai, genannt Charles.

„Hat die ein Glück“, dachte sich Melitta, wenn sie den hochgewachsenen, heiteren Ungarn anschaute, der eine Kaffepflanzung leitete. Zwei Jahre später starb Charles’ Frau bei einem Autounfall. Melitta half Charles auf der Plantage, sie verbrachten gemeinsam ihre Nachmittage.

„Wo warst du eigentlich während des Krieges?“ - fragte sie ihn auf einem Spaziergang.

„In Warschau, und du?“

„Auf einem Gut in Schlesien, wir haben alles verloren“, antwortete sie. „Wenn die Polen nicht damals den Sender Gleiwitz überfallen hätten, wäre unser Leben vielleicht anders verlaufen.“

Er widersprach verblüfft.

„Glaubst du das etwa?“, rief er. „Ich war im September 1939 in Gleiwitz und weiß, wer den deutschen Radiosender überfallen hat. Es waren Nazis, in polnischen Uniformen.“ Zwei Tage sprach sie kein Wort mit ihm.

„Charles wurde mein Geschichtslehrer“, erzählt die alte Dame.

Einige Wochen nach dem Streit hielt er um ihre Hand an. Sie zögerte lange. „Melitta ich bin zu alt für dich“, sagte Charles - zwischen ihnen lagen 22 Jahre Unterschied.

„Besser zwei glückliche Jahre als viele unglückliche“, antwortete sie. 1965 feierten sie eine bescheidene Hochzeit, auf Wunsch ihrer Eltern in Deutschland.

Der Kaffee duftet nach Jasmin

Wie war Charles? Das Gesicht der alten Dame hellt sich auf.

„Er war Diplomat, vor dem Krieg Presseattaché an der ungarischen Botschaft in Warschau. Er half der polnischen Regierung bei der Flucht nach Budapest im September 1939. Später erhielt er dafür das Kavalierskreuz des Ordens Polonia Restituta. Er arbeitete in den ungarischen Botschaften in Wien und Bern. Er morste als Erster die Nachricht vom Scheitern des Attentats auf Hitler in der Wolfsschanze in die Welt.“

Nach dem Krieg wollte er nicht ins kommunistische Ungarn zurück. Einer seiner Kollegen aus der Botschaft riskierte die Heimkehr und landete im Gefängnis. Charles aber verkaufte alles was er hatte, und erwarb in Angola eine Kaffeepflanzung. Er hatte überhaupt keine Ahnung von Kaffeeanbau, aber er war zuversichtlich, daß es ihm gelingen würde.
„Er war ein Kavalier alter Schule“, fügt sie hinzu. „Er gab einen Handkuß, reichte einem eine Zigarette, half in den Mantel. Er gab mir ein Gefühl von Sicherheit, wie kein anderer Mann es jemals konnte. Wir waren 22 Jahre zusammen. Er hat mich meinen ersten polnischen Satz gelehrt: ‘Polak, Węgier - dwa bratanki, i do szabli, i do szklanki’ (Pol und Ungar sind zwei Brüder, in der Schlacht, beim Saufen wieder).“

In dem Haus auf der Pflanzung gab es weder elektrischen Strom noch Telefon. Abends saßen sie im Wohnzimmer bei einer Tasse Kaffee und lasen Kipling. Sie gingen zwischen den betäubend duftenden Kaffeblüten spazieren. Sie rochen ein wenig wie der Jasmin in Muhrau. Wenn es regnete, fielen die Ernten schlecht aus, aber sie konnten sich gerade so über Wasser halten. „Große Sprünge konnten wir nicht machen“, sagt Melitta.

Gemeinsam mit ihrem Mann impfte sie Hunderte von Angolanern gegen Cholera. „Karen Blixen?“ Sie lacht bei dem Vergleich. „Sie war nur ein paar Jahre in Afrika, und ich fast 30, aber sowohl für mich, als auch für sie war es die schönste Zeit.“

1975, als in Angola der Bürgerkrieg ausbrach, schickte sie ihre beiden Söhne, Christoph und Eugen, nach Deutschland. Sie und Charles zogen nach Luanda, der Hauptstadt von Angola, und arbeiteten in einer Firma, die mit Quarz handelt. Charles wollte nicht nach Deutschland zurück. Er sagte, er sei zu alt, er werde dort keine Arbeit finden. Melitta bestand darauf.

Das kommunistische Angola war ihnen immer weniger freundlich gesonnen. 1981 kehrten sie zurück nach München. Er arbeitete als Übersetzer, sie wurde Sekretärin im Max-Planck-Institut. 1984 starb Charles. 1992 ging Melitta in Pension. Immer öfter schweiften ihre Gedanken zurück nach Muhrau.

„Fürchte dich nicht“

„Unser Vater wollte Muhrau nie besuchen. Unsere Mutter ist einmal hingefahren, in den siebziger Jahren. Das Schloß war heruntergekommen, und die Kapelle war eine Ruine. Die Inschrift über der Tür „Fürchte dich nicht“ war kaum mehr zu erkennen. Nach ihrer Rückkehr aus Schlesien bat sie uns immer wieder: ‘Macht etwas aus dem Gut’“, sagt Melitta. „Ich habe das nie ernst genommen. Im Schloß war damals ein Schulungszentrum des Zivilschutzes und eine landwirtschatliche Produktionsgenossenschaft mit Gestüt. Ich hatte dort nichts zu suchen.“

Noch in den siebziger Jahren traf die jüngste Schwester, Maria Therese, eine Pferdeliebhaberin (als einzige hatte sie diese Leidenschaft vom Vater geerbt), auf einer Auktion in Deutschland einige Polen, unter ihnen Andrzej Łobarzewski. Sie erzählte ihm von ihren schlesischen Wurzeln, von dem Gut in Muhrau. „Meinen sie das hier?“, fragte er und zog ein Foto des Schlosses aus der Tasche. Der Direktor des Gestüts von Muhrau schloß Freundschaft mit der Familie von Wietersheim-Kramsta. Er besuchte sie und brachte jedesmal Neuigkeiten aus Muhrau mit. 1990 rief er an: „Die Zeiten haben sich geändert. Kommt her.“

Den desolaten Gestütsbetrieb übernahm die Treuhandgesellschaft für den staatlichen Agrarbesitz. Die Schwestern Melitta und Maria Therese gründeten den „Kindergartenverein Hedwig“ mit Sitz in Baden-Baden und schlugen vor, daß sie von der Treuhandgesellschaft einen Teil des Schlosses für einen Kindergarten pachten würden. Die Treuhandgesellschaft wollte das Schloß aber nur als Ganzes verpachten. Die Schwestern begannen mit der Renovierung und nahmen den Kampf mit den Ämtern auf. Bei der Treuhandgesellschaft bekamen sie zu hören, daß sie sich jedesmal um Erlaubnis bemühen müßten, bevor Deutsche ins Schloß kämen.

„Wozu?“ fragten sie.

„Für den Fall, daß dort Treffen von Neonazis stattfinden würden“, antwortete die Beamtin.

Zu Anfang unterstützten nur zwei Personen die Frauen aus Deutschland: Łobarzewski, der Direktor des Gestüts, und Prälat Siwiec aus Strzegom (Striegau). Beide sprechen Deutsch und kennen die Geschichte der Familie von Kramsta.

Feindselig waren der Bürgermeister des nahen Striegau, der Dorfschulze und das ganze Dorf. „Die Deutsche ist gekommen um sich ihren Besitz zurückzuholen“, flüsterten die Leute, wenn Melitta vorbeiging. An den Kindergarten glaubten sie nicht, bis sie die nagelneuen winzigen Kinderklos gesehen hatten.

Sturmmützen aus Namibia

„Pani Melitta!“ brüllt die Kinderschar, als die alte Dame  den Saal betritt.

Es ist dasselbe Speisezimmer, in dem sie einst mit den Eltern an dem ovalen Tisch gefrühstückt hat.

Heute stehen hier Reihen von Bettchen, winzige Möbel aus Fichtenholz und eine unendliche Zahl von Stofftieren, Puppen und Spielzeug.  Morgens und nachmittags macht der Mercedes-Kleinbus ein paar Runden, holt die Kinder aus der ganzen Umgebung ab, und bringt sie wieder nach Hause. Den Kindergarten gibt es seit 7 Jahren. Sein Besuch ist kostenlos. Getragen wird er vom Kindergartenverein Baden-Baden. 30 Plätze gibt es, aber viel mehr Bewerbungen. Der nächste Kindergarten ist mehrere Kilometer entfernt. Vorrang haben die Kinder aus Muhrau und solche aus armen und kinderreichen Familien.

Sie spielen und lernen nach den Grundsätzen der Pädagogik Maria Montessori. Die 1870 geborene Psychologin, Pädagogin und erste Ärztin Italiens leitete einen Kindergarten in einem Amenviertel Roms. Ihre Methode der Vorschulerziehung war in der Zwischenkriegszeit in ganz Europa beliebt, auch in Polen. Zwischenzeitlich vergessen, erfreut sie sich seit gut 20 Jahren wieder wachsender Beliebtheit, vor allem in Deutschland. In Montessori Kindergärten gibt es keine Rivalitäten zwischen den Kindern. Die Gruppen sind altersmäßig gemischt, so daß die jüngeren Kindern von den Älteren lernen, und sich die Älteren um die Jüngeren kümmern. Das Kind darf selbst wählen, was es tun will, womit es spielen will und wie lange. Es muß nur hinterher aufräumen und darf andere nicht stören.

Maria Montessori zufolge hat jedes Kind seine „sensiblen Phasen“, in denen es besonders intensiv die Sprache, Mathematik oder den Kontakt mit anderen lernt oder die Welt mit den Sinnen in sich aufnimmt. Deshalb  werden die Kinder nicht in ihrer Entwicklung vorangetrieben („Der Lehrer folgt dem Kind, aber er überholt es nicht“), es wird nur mit Impulsen umgeben, die es zur selbständigen Tätigkeit anregen.

Montessori erfand Spielzeuge und Lernhilfen, die bei der zwanglosen Entwicklung helfen. Im Kindergarten lernt man auch praktische Tätigkeiten: wie man Schuhe bindet, zusammenkehrt oder sich um Pflanzen kümmert.  In der Schweigestunde werden die Kinder bei sanfter Musik ruhig und hören auf die Laute ihrer Umgebung. Das Montessori-Kind soll selbständig, hilfsbereit, von seinem eigenen Wert überzeugt und unabhängig von den Erwachsenen sein: „Niemand kann für das Kind wachsen“.

Die ganze Familie von Wietersheim-Kramsta kümmert sich um den Kindergarten. Die jüngste Schwester, Maria Therese, sucht immer wieder nach neuen Sponsoren in Baden-Baden, unterschreibt die Verträge, besorgt Bauarbeiter. Der Abenteuerspielplatz aus Holz im Garten ist ein Geschenk von schweizerischen Johannitern, um das sich Eugen, Melittas Bruder, bemüht hat. Karin von Wietersheim-Kramsta, seine Tochter, Architektin, hat die Renovierung des Schlosses geplant, und Edula, Melittas jüngere Schwester, schickt jedes Jahr zu Weihnachten aus Namibia 30 handgestrickte kleine Pullover und Mützchen. Im letzten Winter kamen die Kindergartenkinder in blauen Sturmmützen daherstolziert.

Die alten und die neuen Leute

Der Kindergarten nimmt die eine Hälfte des Schlosses ein, die Akademie Hedwig die andere. Weil die Treuhandgesellschaft nur das ganze Schloß mit einigen Hektar Park oder gar nichts verpachten wollte, nahm das Projekt der Wietersheims ungeahnte Ausmaße an. Mit Unterstützung der Familie und der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit renovierte Melitta das ganze Schloß und rief die Akademie ins Leben. Es entstanden Gästezimmer, ein Speisesaal und Unterrichtsräume.

Vor einem Jahr hat sie die alten Muhrauer eingeladen.

„Hier bin ich geboren, da in diesem Haus“, so gingen sie durchs Dorf.

„Dort haben wir manchmal getanzt, erinnerst du dich?“

„Hier war der Laden.“

„Was ist eigentlich mit den Fasanen im Park? Erinnert ihr euch, wie Melittas Papa uns sagte, wir sollten leise gehen, damit wir sie nicht aufscheuchen?“
Einige Tage lang guckten 30 Deutsche im vorgerückten Alter in alte Ecken. Es gab einen Gottesdienst unter dem Feldkreuz am Wegrand, ein Lagerfeuer mit Bigos am Schloßteich. „Sie haben getanzt bis spät in die Nacht, die alten und die neuen Leute aus Muhrau.“

In den Räumen der Akademie wohnen und lernen Gymnasiasten aus verschiedenen Gegenden Polens, Oberstufenschüler aus München, Slawistikstudenten aus Berlin und Germanisten aus Breslau. Auch Urlauber kommen vorbei. Es waren sogar Bundeswehrsoldaten da.

Die deutsch-polnische-tschechische Geschichte von Schlesien, Deutsch/Polnischkurse, die Kultur Schlesiens mit Ausflügen in die Umgebung, deutsche Literatur (vor kurzem diskutierte man über Joseph von Eichendorff) - Seminare zu solchen Themen leiten Historiker aus Breslau und Oppeln, Germanisten aus Breslau und Berlin.
Pädagogen aus ganz Polen besuchen hier Kurse in Montessori-Pädagogik.

Unterricht und Aufenthalt kosten Geld; für polnische Gruppen sind die Preise niedriger als für die Deutschen. Die Teilnehmer schlafen in stilvollen Zimmern mit Ausblick auf den Park; die Mahlzeiten werden an einem langen Tisch eingenommen, im Salon neben dem Kamin.

Kindergarten und Akademie bilden eine Einheit, die Fundacja św. Jadwigi (Stiftung Hedwig), in deren Vorstand Melitta, Maria Therese und der Akademieleiter Jacek Dąbrowski sitzen. „Die Heizung ist so teuer, daß wir im Winter rote Zahlen schreiben“, sagt Melitta. „Das ist kein Gewinnunternehmen.“

Ich bin nicht Hitler

„Heil Hitler“, schrie einmal ein Dreikäsehoch im Dorf, als er Melitta sah, und lief davon. Sie hielt den Wagen an und packte ihn bei der Jacke:

„Wo wohnen deine Eltern?“

Sie fuhren zu dem Haus. „Ich bin nicht Hitler“, stellte sie sich auf der Schwelle vor. Sie baten sie um Entschuldigung.

„Unser Schloß“, sagen heute die Dorfbewohner. Zwölf Personen aus der Umgebung arbeiten bei Melitta. Zu Weihnachten wünschten sie ihr, daß sie möglichst lange bei ihnen bleiben möge. Die alten Frauen aus dem Dorf umarmten sie, als sie nach der Messe für ihren Vater aus der Kirche kam.

„Diese Messe feiern wir im Gedenken an Hans-Christoph von Wietersheim-Kramsta und seine vertriebenen Kinder, die jetzt in ihr Haus zurückgekehrt sind und uns mit ihrer Hilfe dienen“, sagte Prälat Siwiec. „Laßt uns ihrer in Liebe und Dankbarkeit gedenken.“

Im Sommer des vergangenen Jahres traf sich die vielköpfige Familie von Wietersheim-Kramsta in Muhrau, um den hundertsten Geburtstag des Vaters zu feiern. Im Park, wo einmal die Kapelle stand, stellten sie einen Stein auf, mit der Aufschrift „In memoriam“.

Seit einem Jahr hat Melitta die polnische Staatsbürgerschaft. Ihr Polnisch ist mäßig, aber sie nimmt selten die Dienste eines Dolmetschers in Anspruch. „Ich muß die Sprache lernen“, sagt sie mit Nachdruck.

Hochgewachsen, gutaussehend, mit einem leichtem Lächeln auf den Lippen. Mit eleganter Geste zündet sie sich eine lange, schmale Zigarette an und schenkt Tee ein. In Afrika trank sie immer Mokka, kein Kaffee hat ihr je wieder so gut geschmeckt. In einem kleinen Teil des Schlosses hat sie sich eine Wohnung eingerichtet. Hinter der Tür mit der Aufschrift „privat“, durch die trotzdem jeder unbefangen geht, ist ein Zimmer mit Computer, einem Korb voller Welpen, Erinnerungsstücken aus Afrika und einigen bis zum Bersten gefüllte Fotoalben: von den sepiabraunen Fotos vom Anfang des Jahrhunderts über die verfärbten Polaroids aus Angola bis zu den jüngsten Bildern vom Schloß.

„Auf dem Gut ist von der Vorkriegseinrichtung nichts übriggeblieben, nicht einmal ein Puppenhaar“, sagt Melitta. Das Schmuckstück des ersten Stockwerks ist die Garnitur mit Sofa und Stühlen, die damals wie durch ein Wunder den Brand in dem Alpenhäuschen überlebte. Vor einem Jahr hat die Stiftung das Haus und 12 Hektar Park gekauft. Melitta hat eben die nächste Ausbaumaßnahme in Angriff genommen. Bei der ersten Renovierung sind schon schöne Böden verlegt, die Wände neu gestrichen worden, nachdem man einige Schichten Linoleum weggerissen und Ölfarbe von der Holztreppe geschliffen und unter mehreren Anstrichen die Stuckdecken wieder zu Tage gefördert hatte. Jetzt muß noch die Fassade erneuert und das Dachgeschoß für weitere Gästezimmer ausgebaut werden.

Am wichtigsten ist der Kindergarten.

„Wißt ihr, wieviel Zucker für die Küche ich dafür kaufen könnte?“ rief sie empört, als eine Delegation aus Warschau anreiste. Sie überreichten ihr den Orden des Lächelns, machten ein Erinnerungsfoto und baten um eine Aufwandsentschädigung von vierhundertundfünfzig Zloty (ca. 240 DM) für die Anreise aus der Hauptstadt. Für den Orden hat sich Melitta bedankt.

Einmal rief eine Gruppe aus Deutschland bei ihr an, ehemalige Striegauer. „Melitta“, sagen sie, „erkundige dich beim Bürgermeister, wie groß die deutsche Flagge sein darf, die wir mitbringen. Verstehst du, uns interessieren die Maße.“

„Wozu braucht ihr eine Flagge?“ fragt sie.

„Wir wollen mit ihr durch die Stadt ziehen“, antworteten sie.

Sie hat sich geweigert, ihnen behilflich zu sein.

„Wir müssen immer noch aufpassen, daß wir uns nicht auf die Hühneraugen treten“, sagt Melitta. „Die Vorurteile halten sich hartnäckig, besonders bei den älteren Menschen. Was für ein Glück, daß die junge Generation die nicht mehr mit sich herumschleppt. Ich glaube schon, daß unsere Akademie das ihre dazu tut.“

Die Schwestern, Edula aus Namibia und Maria Therese aus Baden-Baden, sind gerade wieder zu Besuch. Vor dem Mittagessen beten sie im Stehen. Die Köchin bringt eine Suppenschüssel mit Erbsensuppe und gerollte Pfannkuchen mit Heidelbeeren. Heidelbeeren sind gerade billig, und die Suppe muß nahrhaft sein, weil auch die Arbeiter davon satt werden müssen.

„Wozu tun wir das allles?“ Melitta lacht und zuckt mit den Schultern. „Mama wollte, daß mit dem Schloß etwas Sinnvolles passiert.“

Sie setzt sich hinter das Steuer ihres Renaults, eines in die Jahre gekommenen Kastenwagens. Es sind noch so viele Dinge zu erledigen, sie kämpft mit dem Finanzamt für eine Steuerbefreiung für den gebrauchten Bus, den sie aus Deutschland mitgebracht hat. „Er wird doch für die Kinder dasein“, versucht sie die Beamten zu überzeugen.

Wenn ihr das gelingt, schafft sie es heute vielleicht noch ins Schweidnitzer Schwimmbad. Unterwegs wird sie wie gewohnt den kleinen Krzysiek mit den verwachsenen Beinen, der früher in den Schloßkindergaten gegangen ist, mitnehmen. Sie gehen beide leidenschaftlich gern schwimmen.

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